Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen | Benediktinerin, Äbtissin, Dichterin, Komponistin, Universalgelehrte
* 1098 | + 17. September 1179

„Ich sehe die Dinge einzig mit meiner Seele.“ Hildegard von Bingen war eine faszinierende Frau: eine Rebellin ihrer Zeit, mutig, emanzipiert und wahnsinnig schlau. Sie war Universalgelehrte, Dichterin und Benediktinerin.

Hildegard entstammte einem adeligen Geschlecht. Im 11. Jahrhundert war es üblich, eines der Kinder einem Kloster zu übergeben, und die Wahl fiel auf die achtjährige Hildegard. Das Leben im Kloster war hart. Extrem strenge Abläufe, Beten, Lernen und Arbeiten von früh bis spät prägten ihre Jugend. Doch Hildegard machte sich ihr Leben im Kloster zu Nutze, sie erhielt dort eine umfassende Ausbildung, forschte über Kräuter und Wurzeln und entdeckte Ingwer als Heilmittel. Sie schrieb Gedichte und Biografien, verfasste theologische Schriften bis hin zu Büchern in den Bereichen Medizin und Naturheilkunde und präsentierte ihre Erkenntnisse in der Öffentlichkeit. 

Für eine Frau im Mittelalter ein großes Wagnis und eine Seltenheit. Es machte den Menschen damals regelrecht Angst, wenn Frauen ihren Intellekt und ihr Wissen zeigten, da die vorherrschende Meinung war, dass Frauen aus eigener Kraft gar nicht dazu in der Lage seien. Man prangerte sie daher schnell als Hexen an.

Doch Hildegard hatte ihre Erkenntnisse clever verpackt: Sie schob Gott vor. Sie bezeichnete sich selbst als ungebildet und erklärte, dass sie Visionen von Gott erhalte. Mit dieser Taktik konnte sie ihre Lehren weiter verbreiten, ohne Gefahr zu laufen, als Hexe denunziert und verfolgt zu werden. Eine vom Papst eingesetzte Kommission prüfte und bestätigte ihre Sehergabe. Mit dieser Bestätigung von der höchsten kirchlichen Instanz wurde Hildegard aus der Abgeschiedenheit des Klosters mitten auf die Bühne der Welt gestellt.

Hildegard übernahm die Leitung des Frauenklosters und forderte dessen wirtschaftliche Unabhängigkeit ein. Viele Menschen suchten bei ihr Rat in Fragen der Gesundheit, Hygiene und Sexualität. Als erste Frau überhaupt schrieb sie über den weiblichen Orgasmus. Sie eckte immer wieder an, verfasste wütende Briefe an den damaligen Kaiser, klagte Missstände an und provozierte die Kirche.

800 Jahre nach ihrem Tod wurde Hildegard vom Papst offiziell heiliggesprochen. Doch schon zu Lebzeiten wurde sie als Heilige verehrt. Sowohl theologisch, philosophisch als auch medizinisch hat Hildegard im Mittelalter wichtige Denkansätze sowie neue Impulse auf den Weg gebracht. Sie war eine Vorreiterin des modernen Feminismus und bleibt bis heute ein Vorbild, wenn es darum geht, den eigenen Weg zu gehen und sich niemals einschüchtern zu lassen.